Wertigkeit im Tierschutz

Einem Tierfreund, so müsste man meinen, sind alle Tiere gleich lieb und ist jedes Leben gleich wert. Egal, welcher Art ein Tier angehört, seinem Schutz sollte gleich viel Aufmerksamkeit zugedacht werden. Kein Tier soll leiden, kein Tier schlecht gehalten oder behandelt werden, kein Tier unnötig sterben. Jedem sollte die gleiche Behandlung, die gleiche Sorgfalt und die gleiche Achtung zuteil kommen. So müsste man meinen als Tierfreund.

Dass dies leider in der Realität anders aussieht, wird immer wieder allzu deutlich. Dazu bedarf es noch nicht einmal dem seit Neuestem viel zitierten Vergleich von Heim- und Nutztier. Dass hier viele Tierfreunde die einen hätscheln und pflegen, bei den anderen aber schlechte Haltung und ein grauenvolles Ableben hinnehmen, um sich von ihnen zu ernähren, ist durch die verschiedenen Medien hinlänglich bekannt gemacht worden. Es werden Petitionen erstellt gegen das Abschlachten der Straßenhunde im Ausland, die täglichen Massenschlachtungen von „Nutz“-Tieren jedoch, die bei uns unmittelbar vor der Haustüre stattfinden, werden geduldet. Oder gar nicht erst wahrgenommen. Weil man eben jeden Tag ein billiges Steak auf dem Teller haben möchte. Aber um diesen Speziesismus geht es gar nicht mal im Besonderen.

So verfolgte ich neulich eine Diskussion über die Rechtslage, wenn ein Hund im eigenen Garten eine Katze erwischt und tötet. Die vielen herabwürdigenden Antworten, dass die Katze ja selbst Schuld sei, mag ich nicht im Detail wiedergeben. Natürlich kamen sofort Stimmen auf, die das – fiktive – Ableben der Katze aufs Schärfste verurteilten und ich erlaubte mir die – zugegeben etwas provokante – Frage, was denn aber mit den vielen Wildtieren sei, die im Gegenzug die Katze zur Strecke brachte. Wo sei denn da der Unterschied? Der Hund dürfe das nicht, aber die Katze schon? Eine Antwort, die ich zu hören bekam, brachte mich besonders zum Nachdenken über die unterschiedliche Wertigkeit von Tieren: „Es ist ja wohl ein Unterschied, ob da eine Familie um ihre Katze trauert oder ob eine von zig Mäusen getötet wird. Um die weint ja keiner.“

Niemandem gönne ich den Tod! Aber ist ein Tod weniger bedauerlich, nur weil es niemand gibt, der um das tote Individuum weint? Nur weil Wildtiere sich äußerlich kaum unterscheiden und es „ja so viele von ihnen gibt“?

Ein anderes Beispiel ist die Haltung und Pflege von Tieren. Auch hier werden mir die verschiedenen Wertigkeiten immer wieder vor Augen gehalten. Es finden wahre Diskussionsmarathons statt, wenn ein Hund ein Stachelhalsband trägt. Ohne Frage ist das ein No-Go und durchaus kritikwürdig. Stehen aber Enten auf einem Hof im Schlamm, haben kaum sauberes Wasser und nur welken Salat, dann folgt allenfalls ein mitleidiger Blick. Die wenigsten würden aktiv werden oder gar erkennen, dass hier etwas nicht richtig ist. Zu gering ist die Empathie mit diesen Tieren.

Für Katzen werden Unsummen in Nierendiätfutter und Tierarztbehandlungen gesteckt. Nur wenige kommen auf die Idee, diese Behandlungen als „Irrsinn“ oder unnötige Ausgaben zu bezeichnen. Und wer ein solch vorbelastetes Tier schon einmal gepflegt hat, der weiß, welche Ausgaben dahinter stecken. Es läppert sich, wie man so schön sagt. Sitzt man aber mit einem Hamster oder Wellensittich im Wartezimmer, kann man an so manchen Blicken förmlich das Unverständnis darüber ablesen, wie man beim Tierarzt mehr für eine Untersuchung ausgeben kann, als ein neues Tier kosten würde. Allein schon die Aussage, warum weint das Mädchen denn, ist doch nur ein Vogel, der gestorben ist, kann abwertender kaum sein.

Eine andere Diskussion verfolgte ich in einem Forum für Brieftaubenzüchter. Hier wird so beiläufig von „aussortieren“, „ausmerzen“ und „ab in die Tonne“ gesprochen, dass es mir kalt den Rücken hinunterlief. Und jede dieser Personen sprach davon, dass er ein Tierfreund sei, seine Tiere lieben würde. Die Fragen, die ich stellte, schienen jenseits der Vorstellungskraft dieser Menschen zu liegen. Einen Tierarzt könne man nicht mit jeder Taube aufsuchen, was ich mir vorstellen würde. Das würde viel zu viel kosten. Und ob sie denn jede verflogene Taube zurückholen sollten? Es würden in einer schlechten Saison schon mal bis zu 40 Tiere fehlen. Was das für einen Aufwand bedeuten würde. Würde ich das wollen? Ja natürlich, war meine Antwort, die in unschönen Tiraden unterging. Nicht einer konnte oder wollte meine Einwände verstehen.

Jeder Halter, jeder Züchter hat eine Verpflichtung seinen Tieren gegenüber. Aber je kleiner die Tierart wird, umso weniger Skrupel gibt es, ihnen nicht die Versorgung zukommen zu lassen, die jedes Lebewesen benötigt und verdient. Und umso weniger interessiert es das Umfeld, dass es solche Missstände gibt. Unlängst wurden die Bedingungen bekannt, unter denen Kleintiere wie Kaninchen, Meerschweinchen, Wellensittiche & Co. für den Verkauf gezüchtet werden. Sie sind austauschbar, laufen einfach so mit wie ein gerade angesagtes Accessoire. Wenn sie nicht mehr gebraucht werden oder zu viel Arbeit machen, reicht man sie eben einfach weiter.

Man mag sich den Kopf darüber zerbrochen, warum diese Unterschiede gemacht werden. Vermutlich liegt es vielfach an dem Bezug, den man zu einem bestimmten Tier hat – oder eben nicht –, dass Missstände oder Misshandlungen besonders treffen und den Drang wecken, hier etwas zu verändern. Hunde sind besonders treu, folgen dem Menschen, sind sein bester Freund. Katzen hingegen haben zwar ihren eigenen Kopf, können aber Seelentröster und schnurrender Wärmer zugleich sein. Ein Papagei ist hübsch anzusehen, ein genialer Stimmenimitator und meist sehr gelehrig. Da ist verständlich, dass man zu ihnen leichter gewisse Bindungen aufbaut, auch wenn man keines der Tiere sein Eigen nennt.

Aber wer hat schon Bezug zu einem Spatzen, einer Farbmaus oder einem Meerschweinchen? Da fällt es weitaus schwieriger, Empathie aufzubauen. Und doch fühlen auch diese Tiere genauso Schmerz, empfinden Panik, wenn sie gejagt werden, haben Hunger und Durst und leiden, wenn sie schlecht gehalten werden. Sie tun es nur ein klein wenig stummer, mit weniger Mimik und weniger Anteilnahme.

Das ist, wenn auch nicht nachvollziehbar, so doch zumindest erklärbar. Schlimmer ist die auch schon mal recht brüske Reaktion, wenn man auf diese Unterschiede aufmerksam macht. Der entsetzte Blick, wie man eine Ratte einem Hund gleichsetzen kann, warum ein Zebrafink genauso viel wert sein soll wie eine Katze.

Hier wünsche ich mir von manchem „Tierfreund“, dass er ein klein wenig mehr über seinen Tellerrand hinausschaut und auch die Belange der anderen Tierarten wahr nimmt. Oder zumindest Verständnis dafür zeigt, dass man auch um einen Vogel weinen kann, einen Hamster behandeln lässt und auch Tauben im Tierheim einen sicheren Hafen gewährt, in denen sie würdevoll genesen können.

Sabine Brunelli

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